Fürchte den Pinguin – zerstörerische Psychologie im kompetitiven Brettspiel

Autor: Bene “Machkaputt”

In meinem alten Leben als Unternehmensberater hatten wir öfter Veranstaltungen mit “Keynote Speakern” und ihren Botschaften. Mehr als einmal wurde mir das Geheimnis zum Erfolg verraten. Man ging inspiriert aus diesen Veranstaltungen. Die Geheimnisse hatte man in der Regel schnell vergessen. Bis auf eines. Die zerstörerische Kraft des Pinguins.

Ein ehemaliger Trainer der Damen-Hockey-Nationalmannschaft war zu Besuch und hatte uns das Pinguin-Prinzip vorgestellt. In Videoausschnitten zeigte er, wie (Hockey- und Fußball-)Spieler in emotionalen Situationen die Arme in die Luft warfen, um ihren Unmut zu signalisieren – wie der Pinguin. Grund dafür war z.B, ein vermeintliches Foul, eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters, der Mitspieler hatte den Ball nicht abgegeben…



Während dieser Situationen vergaßen die Spieler immer eines:

Das Spiel lief weiter.

Und sie saßen am Boden und reckten die Arme in die Luft.

Aber sie taten eines nicht:

Ihren Job.

Und dann schoss der Gegner ein Tor.

Die Lektion des Trainers:

zusammenreißen und weiter seinen Job machen.

Und das blieb mir im Gedächtnis, für die Arbeit, aber mehr für mein Lieblingsspiel X-Wing, bei dem Freud und Leid oft sehr nahe beieinander liegen. Über die körperlichen Anforderungen im Vergleich zu Hockey und Fußball kann man sich streiten. Ansonsten lässt sich das Pinguin-Prinzip sehr gut auf X-Wing anwenden:

  1. Das Spiel bietet sehr viele Momente, die einen die Arme hochreißen lassen können: blöde Kommentare des Gegners, schlampig geflogene Manöver, der ungünstige kritische Schaden, WÜRFEL. Gerade Würfel lassen den Puls regelmäßig steigen. Menschen können in der Hitze des Gefechts nur schwer mit Statistiken umgehen. Und manchmal möchte man schon den Tisch kippen, wenn man nur die Liste anschaut, die der Gegner mit an den Tisch bringt.
  2. Das Spiel stellt hohe Anforderungen an die Ausdauer und Konzentration der Spieler. Effekte können in den fünf Phasen jeder Runde an verschiedenen Stellen eintreten. Für jedes eigene Schiff muss man mindestens zwei Runden vorausdenken, ebenso für die des Gegners. Aktionen müssen basierend auf Wahrscheinlichkeiten ausgeführt werden. Gerade bei langen Turnieren ist die Konzentration der Schlüssel zum Erfolg.
  3. Die Uhr tickt. Bei X-Wing gibt es in der Regel keinen Time Out. Wenn Dir Dein Gegner aus der Hand vier Crits ins Gesicht wirft, musst Du trotzdem im Anschluss Dein Manöverrad wieder in die Hand nehmen und weiterspielen.

Ich würde mich als passablen Spieler bezeichnen, aber der Teil des Spiels, das Emotionale, ist eines meiner Fokus-Lernfelder. Der Pinguin gewinnt oder verliert oft meine Spiele. Er lässt mich meinen Fokus verlieren, drängt zur Aufgabe.

Das Gemeine am Pinguin:

Man weiß, dass es ihn gibt, aber er überkommt einen immer wieder.

In den folgenden Situationen hat er mich ins Verderben gestürzt, obwohl ich ihn habe kommen sehen:
  • Ich bin auf meinem ersten Turnier nach der Deutschen Meisterschaft, bei der ich – wie auch immer – bis ins Halbfinale gekommen bin. Stolz lege ich meinen neuen Acryl-Schablonen aus. Und ich verliere das erste Spiel. Die Würfel wollen nicht, ich entscheide mich in einer Situation spielentscheidend falsch. Ich bin außer mir. Die Schmach. Im nächsten Spiel kommentiert ein Zuschauer  mehrmals meine unglücklichen Würfel. Ich verliere den Kopf, der Zuschauer beinahe auch. Dass ich aus dem Turnier überhaupt mit einem Sieg heraus gehe, ist bemerkenswert und unverdient.
  • Bologna, System Open, Hyperspace: Nach großen Erwartungen war ich an Tag 1 mit 0:3 aus dem Hauptturnier geflogen. Tag 2 beginnt mit einem Gegner, der mich fast um den Verstand bringt. Seine Schablonen und Marker sind auf seiner Hälfte der Platte wild verteilt. Er deckt seine Manöverräder nur auf meine Aufforderung hin auf. Er fliegt schlampig. Obwohl er eines seiner beiden Schiffe vom Feld fliegt, verliere ich fast, weil ich so unkonzentriert bin, dass ich jede Runde mehrere Effekte vergesse. Beim Einstellen der Manöverräder beschäftigt mich mehr der Gedanken, wie ich gegen so einen Spieler verlieren kann, als das Finden des richtigen Manövers.
Das Gift des Pinguins hat mir in solchen Situationen (fast) Spiele gekostet. Man kann ihn nicht vermeiden; aber mit ihm umgehen:
  • In Bologna war das erste Spiel an diesem Tag mein persönlicher Wake-Up-Call. Es ging zwar nicht mehr um das Ticket in die USA (ich würde nach dem 5. Spiel sicher nach Hause fahren). Aber ich wollte diese Shield Token, unbedingt. Ich durfte kein Spiel -abgeben. Beim nächsten Versuch des Pinguins würde ich ihn von der Klippe stürzen. Die Gelegenheit dazu hatte ich in Spiel 3. Ich flog zwei Defender (Vessery mit Traktorstrahl/Ryad mir Ionenkanone) und ein Nu Boat mit Ionenkanone gegen Super Dash und einen Falken. Nach 20 Minuten verblieben auf der Platte eine Ryad mit 2 Hülle und ein Nu Boat mit 4 Hülle… sowie ein voller Dash. Ich hatte wenig Fehler gemacht, die Würfel waren kalt. Ich spürte ein leichtes Ziehen hinter der Stirn. Aber ich riss mich zusammen. 45 Minuten später blockte ich Dash mit einem Slam meines Nu Boats und kam mit Ryad in Reichweite 1 zu Dash. Trotz Jagdinstinkt und Fokus und zwei Angriffen schaffte ich es nicht, Dash die letzten zwei Hitpoints zu nehmen. Ich ballte die Fäuste, ein ehemaliger deutscher Meister, der mir zugesehen hatte, verließ kopfschüttelnd den Tisch. Und ich nahm die Manöverräder in die Hand. In der nächsten Runde traf ich die richtige Entscheidung, mein Gegner die falsche und dieses Mal hielten die Würfel. Vor meinem geistigen Auge sah ich den Pinguin weinend aus der Halle humpeln.
Jeder kompetitive X-Wing-Spieler wird von frustrierenden Momenten berichten können. Alle haben sie gemeinsam, dass sie nichts an den folgenden Punkten ändern können:
  • Solange man Schiffe auf dem Feld hat, steht der Sieger erst nach 75 Minuten fest, nicht wenn der eigene Puls dreistellig wird.
  • Egal, ob der Gegner nett oder anstrengend ist oder während dem Spiel ein Time Out braucht, um seine Oma anzurufen. Nach den 75 Minuten entscheidet das Punkteverhältnis über Sieg oder Niederlage, nicht der Spieler auf der anderen Seite des Tisches.
  • Würfel würfeln nicht schlecht. Die Summe aus Deinen falschen Entscheidungen im Spielverlauf “würfelt” schlecht.
Die Kernbotschaft dieses Artikels soll sein:

Fürchte den Pinguin.

Er wird immer lauern, aber wenn man ihn erkennt, kann man mit ihm umgehen und ihn beiseite schieben. Besonders wenn man ihn sich als pummeligen, flauschigen Vogel vorstellt.